Mobbing an Schulen

Das Phänomen ist nicht neu, aber es breitet sich seuchenartig aus. Die Hemmschwelle zu mobben sinkt mit dem allgemeinen Niveau des Respekts vor allen und allem. Social Media bieten dafür eine zusätzliche Plattform. Mobbing erzeugt nicht nur unsägliches Leid bei Betroffenen, sondern auch Kollateralschäden in ihrem Umfeld und darüber hinaus in der gesamten Gesellschaft. Mobbing steht in einem engen Zusammenhang mit Stress wegen der Unzufriedenheit junger Menschen mit ihrem Leben. Eltern sind überfordert, Lehrer zu wenig darauf vorbereitet und Schulen zu zögerlich in der Reaktion, sagt das BGCM (Bündnis gegen Cybermobbing e.V.), das ermittelt hat, dass über ein Drittel (37,5%) aller Schüler mindestens einmal Opfer von Mobbing wurde. Etwa jeder fünfte (21%) sogar wiederholt. Ca. 80% der Betroffenen sind (zusätzlich) von Cybermobbing betroffen.

Mobbing ist feige

Die Übergriffe finden meist heimtückisch statt, und das Umfeld (Eltern wie Lehrer) bemerkt lange nichts davon. Das Drangsalieren kann sich über Wochen und Monate hinziehen, bevor Symptome wie Leistungsabfall, Panikattacken oder Schulverweigerung auftreten. Mobbing ist feige, weil der Mobber stets Publikum bekommt, während der Gemobbte allein dasteht (kommt ihm aber Unterstützung von Dritten zu, suchen sich Mobber lieber ein neues Gegenüber). 

Cybermobbing

Attacken dehnen sich auch auf die digitale Welt aus. Bloßstellung durch Videos oder Nacktbilder, Beleidigungen in Chats oder in sozialen Netzwerken geschehen leider häufig - wegen Corona sogar beschleunigt. Anders als das Mobbing in der Schule oder auf dem Nachhauseweg, sind Betroffene auch zu Hause nicht mehr sicher und die Reichweite (das Publikum des Mobbers) ist größer. Die Hemmschwelle im Internet ist geringer und das Ausmaß der Beleidigungen häufig größer, wenn die Mobber anonym bleiben. Lichtblick ist immerhin, dass sie im Internet Spuren hinterlassen, die Sanktionen bzw. die Strafverfolgung leichter machen als fiese Hinterhofaktionen. 

Gemobbte stammen aus der Mitte

Es gibt erkennbare Trigger für Mobbing (Aussehen, Status). Es trifft aber auch normal sozialisierte Jungen und Mädchen, die weder ein stigmatisierendes Äußeres haben, noch ein inakzeptables Verhalten an den Tag legen. Auslöser kann eine Nichtigkeit sein, ein falsches Wort, eine Blamage im Unterricht oder zur falschen Zeit am falschen Ort gewesen zu sein. Einer lacht. Ein anderer beginnt zu lästern, zu schikanieren. Ein dritter schließt sich an. Nach und nach kommt eine Spirale der Ausgrenzung in Gang. Betroffene werden irgendwann immer weiter ins Abseits gedrängt, bis schließlich auch jene mitmachen, die einst mit ihm befreundet waren. Sie haben nun plötzlich Angst davor, selbst ausgeschlossen zu werden. Auf diese Weise werden sogar Freunde zu Peinigern. 

Das Los entscheidet?

Wer welche Rolle beim Mobbing spielt, ist nicht vorhersagbar - und von außen auch kaum nachvollziehbar. Das BCGM spricht von einer Täterquote von 13% aller Schüler. Das macht fassungslos. Ebenso wie bei Gemobbten gilt auch hier, dass man es ihnen oft weder ansieht noch zutraut. Die Psychodynamik des Mobbings (Macht-Schuld-Matrix) erklärt uns noch am anschaulichsten, warum fast ein Drittel (30%) aller Täter zuvor Opfer waren - und dies nie wieder sein wollen - leider mit den falschen Mitteln! Viellicht ist es deswegen auch besonders schwer, einem Mobber zu helfen. Doch auch er verdient es – und unsere Gesellschaft!

Mensch, sei vernünftig!

Entwicklungsgeschichtlich ist Mobbing bei Säugetieren, die in Herden, Rudeln u. ä. leben, ein soziales (!) Verhalten, das das Überleben der Gruppe sicherstellen soll. Wer sich nicht willenlos einem Alpha-Tier unterordnet, wer zu schwach ist, um bei der Flucht mitzuhalten oder sich an der Jagd zu beteiligen, wer durch sein Verhalten oder Äußeres die Gruppe gefährdet wird zurückgelassen oder „weggebissen“. Leider sind beim homo sapiens (Lat. „vernünftiger Mensch“) immer noch neuronale Netzwerke im Hirn aktiv, die sich im Lauf der Evolution und in freier Wildbahn „bewährt“ haben. Für mitfühlende Menschen mit einem höher entwickelten Bewusstsein ist dieser Gedanke schwer erträglich.

Tradition versus Traditionalismus

Tradition ist identitätsstiftend und integrativ. Traditionalismus ist das Negativum dazu. In archaischen Gesellschaften wird die Schuld an der gnadenlosen Ausgrenzung von Menschen bei Abweichungen von der sozialen „Norm“ (die jeweils von Kultur und Zeitgeist abhängt) klar beim Ausgegrenzten gesehen. Das gilt als Konsens, und selbst der Ausgegrenzte wird die Schuld normalerweise bei sich allein suchen. Für Überheblichkeit in unserer modernen Gesellschaft gibt es jedoch keinen Grund. Auch in Deutschland wird heute noch häufig derjenige ausgegrenzt, der an soziale Normen aneckt. Die falsche Frisur, eine nicht korrekte Tracht, ein fremder Akzent sind auch im Deutschland von heute zumindest Risikofaktoren. Die sexuelle Orientierung, religiöse Überzeugung oder eine Behinderung lassen einen Menschen immer noch schnell am Rand einer Gruppe stehen. 

Mensch oder hoch entwickeltes Säugetier?

Die Menschheit insgesamt, aber auch einzelne Gesellschaftsgruppen, zeigen das klassische Muster der Gauß‘schen Normalverteilung. Die Bandbreite reicht dabei von empathisch bis verroht. Es ist eine Frage des Bewusstseinsniveaus einer Gesellschaft, wie sie mit Abweichungen von der sozialen Norm umgeht – und wem sie es überlässt, solche Normen zu definieren. Man sollte von einer Gesellschaft, die für sich ein hohes Entwicklungsniveau beansprucht, erwarten dürfen, dass sie Anders-Sein als normal zu akzeptieren imstande ist. Zumindest sollte man mit dem Anders-Sein anderer kein Problem haben. Das wäre ein erster Schritt. In Deutschland ist Vielfalt heute zwar schon weitgehend akzeptiert, aber eben nur weitgehend. Und wie geht eine solche Gesellschaft mit Mitgliedern um, die "anders" sind? Wie sollen sich Kinder und Jugendliche in der Schule verhalten, wenn sie täglich im Fernsehen und auf den Straßen erleben, dass Ausgrenzung und Schlimmeres immer noch (oder wieder) salonfähig ist?

Mobbing ist erlernt

Nur die wenigsten Akteure haben ein Naturell, das sie "automatisch" zu Tätern macht. Nein, sie haben sich das abgeschaut und, nicht zu vergessen, über 30% von ihnen waren zuvor selbst Opfer solcher Attacken. Sie haben daraus "gelernt" und werden dieses "erfolgreiche" Verhaltensmuster als Erwachsene nicht mehr so leicht ablegen. Menschen, die andere ausgrenzen, ihrerseits auszugrenzen, ist aber auch keine Lösung, sondern polarisiert nur die Gesellschaft. Man sollte von einer hochentwickelten Kultur statt dessen erwarten können, dass sie ihren Kindern anerzieht und vorlebt, dass eine andere Hautfarbe, Religion oder Herkunft ebenso irrelevant sind, wie Ruhm, Reichtum oder Erfolg - und: Macht. In einer starken Gruppe gibt es keine "Schwachen", da sie trotz Handicap so integriert sind, dass sie von der Gruppe getragen werden. Und das macht sie selbst stark!


Die Stärke des Stärkeren liegt in der Unterstützung des Schwächeren, nicht in seiner Unterdrückung. Die Würde einer Gruppe liegt in ihrer Fähigkeit zur Integration, nicht in der Ausgrenzung.

Die Wissenschaft entdeckt Mobbing

Der Begriff Mobbing geht auf den schwedischen Arzt Peter-Paul Heinemann zurück, der ihn 1969 prägte, um dem Phänomen, dass Gruppen eine von der Norm abweichende Person attackieren, einen Namen zu geben. Später wurde der Begriff durch den schwedischen Arzt und Psychologen Heinz Leymann modernisiert, der ab den neunziger Jahren von Mobbing in Bezug auf das Arbeitsleben sprach. Ist Mobbing am Arbeitsplatz seit dem einigermaßen gut erforscht (vermutlich auch, weil wirtschaftlich relevant), erscheint Mobbing an Schulen stiefkindlich behandelt zu werden. Ob es an der mangelnden geldwerten Relevanz oder an der Ignoranz der Gesellschaft gegenüber Kindern liegt? Mag auch sein, dass das schiere Ausmaß des Problems erst langsam erkannt wird und Verantwortliche der Entwicklung ohne die erforderlichen Mittel motiviert aber chancenlos hinterherlaufen.

O tempora, o mores

Beschleunigt durch den Trend zur Selbstoptimierung, emotionalen Dauerstress und Social Media wurden nahezu alle westlichen Gesellschaften seit den 2000er Jahren immer empfänglicher für Fanatismus. Anstand und Respekt sind in einer zunehmend von prominenten Narzissten geprägten Ellbogengesellschaft weniger wichtig geworden. Kinder beobachten und verstehen sehr genau, dass das ohne Konsequenzen bleibt. Im Gegenteil: Rücksichtslosigkeit ist heute eine stillschweigend akzeptierte Eigenschaft und Voraussetzung für Erfolg. Das führt zu einer Verrohung ganzer Gesellschaften, wie wir sie weltweit beobachten können. Das zeigt sich eben auch auf dem Pausenhof.

Passive versus aktive Provokation

Viele erwachsene Menschen werden sich an Situationen erinnern können, in denen sie oder Mitschüler sich vor der Klasse blamierten und ausgelacht wurden. Auch wenn dies schon bei einmaligem Geschehen traumatisierend wirken kann, reden wir erst von Mobbing, wenn es sich zu einem systematischen Verhalten aller Beteiligten entwickelt. Das „kleine“ Trauma kann durch einen Teufelskreis zu einem „großen“ Trauma werden, indem sich Klasse und Lehrer, anstatt dem betroffenen Schüler zu helfen, wiederholt demütigend verhalten. Der Gemobbte provoziert durch seine Haltung (deutlich zu unterscheiden von seinem Verhalten!) quasi passiv. Durch seine zunehmende Unsicherheit bietet er sich als Opfer gewissermaßen an (auf den unpassenden Opferbegriff kommen wir gleich noch einmal zurück). Eine Haltungsänderung muss dann herbeigeführt werden, damit sich das Muster nicht irreparabel manifestiert.

Vielleicht haben wir auch noch Mitschüler in Erinnerung, die als „Streber“ oder „Petzen“ stigmatisiert waren und sich nur schwer integrieren konnten. Oder Kinder konnten sich nur durch eine unangemessen rabiate Art durchsetzen. Sie haben die Reaktion der anderen durch ihr Verhalten (hier ist jetzt explizit nicht die Haltung gemeint; s.o.) ein Stück weit aktiv provoziert. Wie weit andere zu gehen bereit sind, ob sie zu Peinigern werden, oder ob der Betroffene die Chance zu einer gelingenden Verhaltensänderung bekommt, hängt vom allgemeinen Klima ab – in der Gesellschaft wie in der Schule. 

Die Schuldfrage

Im Fall des passiven wie des aktiven Provozierens gilt, dass der Betroffene niemals Schuld am Mobbing trägt. Beim passiven Provozieren leuchtet das sofort ein. Aber selbst wenn der Gemobbte andere durch sein Verhalten aktiv provoziert und Mobbing damit begünstigt, trägt er niemals Schuld, denn eine Gruppe muss in der Lage sein, diesem Verhalten anders zu begegnen. Das ist primär Aufgabe der Elterngeneration, aber sekundär allemal auch Verantwortung der Schule und ihrer Lehrer.

Dass leidende Kinder häufig glauben, sie seien selbst an ihrer Misere schuld, hat man übrigens schon uns, ihren Eltern und Großeltern mit in die Wiege gelegt – und wir haben es unterbewusst „vererbt“. Wer früher „Klassenkeile“ bezog, hat es sich im Zweifel „selbst verdient“. Wer vom Lehrer oder Pfarrer eine „geklebt“ bekam, sagte zu Hause lieber nichts, weil er sonst möglicherweise zusätzlich noch eine drauf bekam („Du wirst schon wissen, wofür du die verdient hast“). Die Psychodynamik beim Mobbing (Macht-Schuld-Matrix) veranschaulicht, warum Opfer zum Täter werden, wenn sie können, oder sich andernfalls selbst die Schuld geben.

Missbrauch

Erst nach und nach, aber immer mehr und bedrückender, wird der erschreckende Umfang von sexualisierter und emotionaler Gewalt gegen Kinder deutlich. Es fällt schwer, Mitgefühl für die Täter zu empfinden, auch wenn sie selbst wahrscheinlich Opfer waren. Der Schutz unserer Kinder muss in jedem Fall absoluten Vorrang genießen, um ein wohl jahrtausendealtes Problem nicht mit in die Zukunft zu schleppen. Es ist noch nicht ausreichend untersucht, wie die Phänomene Kindesmissbrauch und Mobbing zusammenhängen, aber der Verdacht, dass es einen gewissen (zumindest indirekten) Zusammenhang gibt, liegt nahe.

Es gibt nur Opfer

Wir haben gesehen, woher Mobbing entwicklungs- und sozialgeschichtlich stammt. Wir haben uns auch von dem Gedanken gelöst, dass Betroffene selbst Schuld tragen. Trennen wir uns nun von einem Denken, dass Täter und Opfer unsachgemäß unterscheidet! Wichtig ist dabei, weder das Erlittene des Gemobbten zu bagatellisieren, noch das Verhalten des Mobbers zu rechtfertigen!

Beim Mobbing gibt nur drei Beteiligte: Opfer, Opfer und Opfer.

Das erste Opfer ist der Gemobbte. Er leidet Seelenqualen, die sich psychosomatisch auch im Körper manifestieren können. Angst beherrscht ihn immer mehr, bis er sich blockiert fühlt wie in einem Schraubstock - schlimmstenfalls ein Leben lang. Ihm zu helfen, ist akut notwendig und hat höchste Priorität.

Das zweite Opfer ist der Mobber (incl. aktive Mitläufer). Er ist selbst Opfer seiner Lebensumstände und seiner eigenen Aggressionen (häufig zuvor sogar von Mobbing). Er muss immer mehr Energie aufwenden, um anderen durch sein übersteigertes Machtgehabe Energie zu entziehen. Das macht ihm unterbewusst ebenfalls Angst - und geht auch nicht lange gut. Ihm zu helfen, ist langfristig notwendig und hat zweite Priorität.

Das dritte Opfer sind die übrigen, passiv Beteiligten. Sie fügen sich selbst seelischen Schaden zu, indem sie entweder wegschauen oder zuschauen. Sie hören nicht auf ihr Gewissen, das ihnen vielleicht etwas anderes sagen will, denn sie haben Angst vor den Konsequenzen, wenn sie dem Betroffenen helfen. Auch sie laden auf diese Weise Schuld auf sich. Deswegen brauchen auch sie langfristig Hilfe, was dritte Priorität hat.

Im Folgenden reden wir deshalb gar nicht mehr von Opfern, sondern Mobbern (incl. aktiven Mitläufern), Gemobbten und passiven Mitschülern.

Angst essen Seele auf

Alle Beteiligten haben also irgendwie Angst vor irgendetwas. Aus diesem Strudel negativer Energie kommt man ohne Hilfe und Kraftanstrengung nicht leicht heraus. Es kann aber trotzdem funktionieren, auch und gerade bei Gemobbten. Denn sie haben höhere geistig-mentale und soziale Werte als Mobber. Sie sind oft sensible und empathische Kinder. Hier liegt auch das Potenzial für die Überwindung der Situation. Das braucht etwas Übung und viel Vertrauen.

Die passiven Mitschüler befreien sich aus dem Mitschuldig-Sein nicht, indem sie wegschauen oder weggehen, sondern indem sie sinnvoll einschreiten, ohne sich dabei selbst zu gefährden. Dazu müssen sie sich derselben mentalen Kraft bedienen wie der Gemobbte. Sie sind nicht in dessen verzweifelten Situation und sollten daher über genügend Kraftreserven verfügen.

Große Probleme hat auch der Mobber selbst. Er agiert aus seelischer Not heraus, wofür er zunächst Verständnis verdient (eine These, die aus Sicht Gemobbter und ihrer Eltern eine Zumutung darstellt und zunächst unfair klingt). "Verständnis" bedeutet nicht, dieses Verhalten zu rechtfertigen oder zu akzeptieren! Die Ursachen für seinen dysfunktionalen Stressabbau müssen behutsam ergründet werden, denn mitnichten muss er selbst Opfer von physischer oder verbaler Gewalt sein. Eine Stigmatisierung seiner Eltern ist daher Fehl am Platze.

Leidensdruck?

Der Unterschied zwischen den Beteiligten liegt darin, dass ein Gemobbter sein Problem kennt. Auch die passiven Mitschüler stehen noch in Kontakt zu ihrem Gewissen und leiden mit. Der Mobber hingegen findet die Situation gut so wie sie ist - solange er sie unter Kontrolle hat. Die Psychodynamik des Mobbing ist weniger komplex als man vielleicht vermutet - aber die Lösung ist es sehr wohl.

Mobben kann chronisch werden

Erwachsene Mobber sind wahrscheinlich krank. Das ist hier bitte nicht als Verunglimpfung zu verstehen, sondern im medizinischen Sinne anzuerkennen. Wir müssen bei Mobbing an weiterführenden Schulen manchmal (aber nicht grundsätzlich) von beginnenden Persönlichkeitsstörungen reden. Sie stellen mittlere bis schwere seelische Erkrankungen dar, die das (soziale) Leben massiv beeinträchtigen. Sie gehen weit über negative Charaktereigenschaften, vulgo Macke, hinaus.

Die „International Classification of Diseases“ (die Internationale Klassifizierung von Krankheiten, in ihrer derzeit noch gültigen 10. Revision, genannt „ICD10“) definiert Persönlichkeitsstörungen in Kapitel V „Psychische und Verhaltensstörungen“ unter Abschnitt F60 als „charakteristische und dauerhafte innere Erfahrungs- und Verhaltensmuster, die insgesamt deutlich von kulturell erwarteten und akzeptierten Normen abweichen“. Dies äußert sich in mehr als einem der Bereiche Kognition (Verstand), Affektivität (Emotionen) oder zwischenmenschliche Beziehungen (Umgangsformen). Die Abweichung muss stabil und von langer Dauer sein sowie im späten Kindesalter oder der Adoleszenz begonnen haben. Der letzte Halbsatz ist von besonderer Bedeutung für das Thema Mobbing an Schulen, weil die Krankheit hier ihren Lauf nimmt. Nicht jeder kindliche oder jugendliche Mobber wird später krank im klinischen Sinne, aber ohne konsequente Korrekturen prägen sich viele Mobber ihre "Erfolgsmasche" als Norm ein, was das spätere Leben beeinträchtigt - und krank macht.

Auch der Zeitgeist ist krank

Ab wann man nicht mehr von einer „Charaktereigenschaft“, sondern von einer „Persönlichkeitsstörung“ sprechen kann/muss, ist dem sozio-kulturellen und zeitgeschichtlichen Kontext und somit fließenden Veränderungen unterworfen. Diagnostiziert werden darf eine Störung nur vom Psychiater. Als Grundformel kann man aber durchaus gelten lassen: wo Leid ist, handelt es sich vermutlich auch um eine Störung. Persönlichkeitsstörungen können auch und gerade dadurch entstehen, dass sie gesellschaftlich akzeptiert oder sogar gefördert werden. Die ICD 10 sagt (s. o.): „…Verhaltensmuster, die insgesamt deutlich von kulturell erwarteten und akzeptierten Normen abweichen“. Akzeptieren wir Eigenschaften, die Mobbing begünstigen? Wenn ja, sind wir alle krank; wenn nein, ist Mobbing eine behandlungsbedürftige, aber in der Regel auch behandelbare Störung. 

Wehret den Anfängen!

Erwachsene Mobber haben also entwickelt (bzw. Jugendliche beginnen möglicherweise gerade zu entwickeln) eine narzisstische (ICD 10, F60.8), dissoziale (F60.2) oder paranoide (F60.0) Störung (es gibt noch weitere Formen, die hier aber nicht berücksichtigt zu werden brauchen). Die gefährlichste Form einer Persönlichkeitsstörung ist die dissoziale. Mit ihr verbindet man Eigenschaften wie die Missachtung sozialer Verpflichtungen und Normen, Herzlosigkeit, geringe Frustrationstoleranz, niedrige Schwelle für aggressives und gewalttätiges Verhalten und die Neigung andere zu beschuldigen. Der Persönlichkeitsstil ist abenteuerlich und potentiell psychopathisch. Dissoziales Verhalten ist - einmal manifestiert - durch Bestrafung kaum zu ändern.

Und - noch einmal: die Störung beginnt im späten Kindesalter oder der Adoleszenz (so wird die Entwicklung von der späten Kindheit über die Pubertät bis hin zum vollen Erwachsensein genannt). Spätestens hier wird deutlich, warum Mobbing an Schulen ein ernst zu nehmendes Phänomen mit Langzeitwirkung ist.

Angst beißt

So verrückt es auch klingen mag: Angst ist eine häufige Ursache von Mobbing, nicht nur beim Gemobbten und den Mitläufern, sondern auch und vor allem beim Mobber selbst.

Man kann das Verhalten des Mobbers in vielen Fällen (stark vereinfachend) mit einem sogenannten Angstbeißer vergleichen. So nennt man Hunde, die aus Angst nicht den Schwanz einziehen (wie die passiv Beteiligten), sondern scheinbar wahllos zubeißen. Ihnen legt man einen Maulkorb an. Damit wäre (redensartlich) auch dem Mobber Einhalt geboten, aber es würde ihm und der Gesellschaft letztlich nicht helfen, weil es das Problem nicht an der Wurzel packt. Was fehlt ist eine Therapie. Wer krank ist geht normalerweise zum Arzt. In ganz schlimmen Fällen sollten auch sehr junge Menschen lieber einem Psychiater vorgestellt werden. Das ist in den meisten Fällen vielleicht (noch) nicht erforderlich, aber eine Therapie, oder zumindest eine professionelle Intervention, ist unbedingt angezeigt, wenn eine inakzeptable Situation nicht schnell bereinigt werden kann.

Ruhig Blut!

Ob Narzissten, Angstbeißer oder Schlägertypen: solange man an die zugrunde liegende Ursache und das Gewissen der Mobber herankommen kann, besteht gute Hoffnung auf eine Verhaltensänderung. Und bitte: nicht jede Rangelei muss pathologisiert werden! Wenn ein Grundschüler seine Kraft ausprobiert und zuschlägt, weil er jeden Tag im Fernsehen sieht, dass man damit etwas erreichen kann, ist er noch kein Psychopath, muss aber sofort - gewaltfrei und durch Einsicht - gestoppt werden. Vice versa: wer als Grundschüler einmalig Prügel abbekommt, braucht sofort Trost und Sicherheit - ist aber nicht automatisch ein traumatisiertes Opfer. Wie sollen überbehütete Kinder lernen, wie man Konflikte löst?

Wo das Gewissen fehlt

Wo aber rohe Gewalt im Spiel ist und ein Gewissen nicht ansprechbar, keinerlei Einsicht und Reue zu bewirken ist, muss ein Mobber die ganze Härte des Gesetzes zu spüren bekommen. Nicht jedes Mobbing ist strafrechtlich relevant, aber ab einem bestimmten Level (und bitte erst dann) sollte die Polizei eingeschaltet werden (s.a. Links).

Wir können nicht allen Störungen rein therapeutisch begegnen. Ohne „schuldhaftes Zögern“ (hier sei bewusst ein juristischer Begriff bemüht), also unverzüglich, müssen sich Lehrer, das Schulamt, die Gesellschaft zwischen den Mobber und den Gemobbten stellen, wenn „Gefahr in Verzug“ ist. Hier gilt, dass dem Recht des Gemobbten auf körperliche Unversehrtheit der Primat über die Schulpflicht zukommt. Will sagen, dass man ein Kind, das ("objektiv" berechtigt) panische Angst vor dem Schulbesuch hat (aber bitte nicht wegen schlechter Noten oder alterstypischen Rangeleien) erst wieder zur Schule schicken sollte, wenn der Grund für die Panik beseitigt ist. Sonst produzieren wir traumatisierte Angstneurotiker am Fließband.

Schulwechsel - ja oder nein?

Ein Schulwechsel sollte möglichst vermieden werden, da Betroffene damit endgültig als Opfer stigmatisiert werden und Flucht als Konfliktlösung generalisieren und internalisieren könnten. Eine Beendigung des Mobbings gelingt aber nicht immer so schnell wie erforderlich, und niemand will Kinder unnötig lange leiden lassen. Aufgebrachte Eltern und überlastete Lehrer bilden dann nicht immer das optimale Tandem. Man betrachtet sich sogar gegenseitig als Teil des Problems.

An vielen Schulen gibt es ausgebildete Schulpsychologen. Sie bekommen aber nicht alles von den Problemen an ihrer Schule mit, da Schüler sich ihnen nicht immer anvertrauen, aus (der häufig nicht ganz unbegründeten) Angst heraus, alles noch schlimmer zu machen. Sie und die Lehrer sind wichtige Schlüsselpersonen und in der Regel hilfreicher als Anwälte und die Polizei. Da tut sich an Schulen zwar viel, aber es ist einfach noch zu wenig. Man läuft der Entwicklung hinterher, weil Schulen vom Staat heruntergespart werden und die nötigen Ressourcen fehlen. Das bestätigt eindrucksvoll auch das BGCM.

Eltern-Weckruf

Wenden sich betroffene Schüler häufig schon nicht an Schulpsychologen, aus Angst vor dem Schuss, der nach hinten losgeht, so mitunter erst recht nicht an ihre eigenen Eltern, um sie nicht zu belasten. Mobbing ist extrem schambehaftet. Betroffene sehen die Schuld zudem häufig bei sich selbst. Und wenn Eltern doch etwas bemerken, alarmieren sie die Schule nicht immer, da sie völlig unterschätzen, wie es ihrem Kind ergeht. Kinder wollen Eltern häufig nicht mit ihrer (wahren) Situation belasten und versuchen stattdessen, irgendwie alleine klarzukommen und zu „funktionieren“. Das geht nicht lange gut. Der Druck steigt - und die Scham wird immer größer.

Es hilft den Kindern auch überhaupt nicht, wenn Eltern mit gut gemeinten Ratschlägen helfen wollen. Sprüche wie „Stell dich nicht so an“ oder „Das ist doch halb so wild“ oder „Schlag halt zurück“ bagatellisieren das Problem und sind kontraproduktiv. Und Abwiegeln oder ein „Du bist ja selbst schuld!“ gehen definitiv gar nicht!

Was tun?

Wichtig ist vor allem, dass man überhaupt etwas tut. Der größte Fehler ist auf jeden Fall, den Dingen ihren Lauf zu lassen, in der Hoffnung, dass es irgendwie von allein vorbei geht.

Nicht jede Reaktion ist geeignet, Mobbing gelingend abzuwenden. Viele Betroffene wissen instinktiv oder aus Erfahrung, dass sie ihre Situation ganz schnell „verschlimmbessern“ können. Das gilt es natürlich zu vermeiden, aber auf jeden Fall muss unverzüglich reagiert werden – insbesondere, aber nicht nur, wenn körperliche Gewalt angewendet wird. Jeder unmittelbar oder mittelbar Beteiligte, die gesamte Gesellschaft, ist aufgefordert, seiner und ihrer Verantwortung gerecht zu werden.

Wer muss handeln?

Beteiligter ist in diesem Sinne jeder, der mittelbar oder unmittelbar mitbekommt, dass ein Schüler bedrängt wird. Man wird kaum erwarten dürfen, dass Mobber hier die Initiative ergreifen, und wir haben gesehen, dass Gemobbte selbst dazu häufig nicht in der Lage sind. Natürlich werden Eltern die ersten sein, die alle Hebel in Bewegung setzen wollen – vorausgesetzt sie wissen von dem Problem und erkennen dessen Ausmaß. Wir haben gesehen, dass dies häufig nicht der Fall ist.

Von besonderer Wichtigkeit ist es daher, passive Mitschüler zu sensibilisieren. Besonders Mitschüler, die Mobbing ablehnen und zurückhaltend oder auch mutig einschreiten, sind extrem wichtig für eine Beendigung der Situation. Doch sie brauchen eine Stelle, an die sie sich vertrauensvoll wenden können.

Verantwortung der Schulen

Schulen sind der Ort, an dem Eltern die Verantwortung für und die Aufsicht über ihre Kinder an einen Träger abgeben – sie sollen, müssen und dürfen dies tun! Dann muss aber diese Schule, dieser Träger seiner besonderen Verantwortung und Schutzfunktion auch umfänglich nachkommen. Um nicht missverstanden zu werden: es ist nicht die Schuld der Schule, dass (ich sage bewusst nicht wenn) dort gemobbt wird, aber es ist ihre Verantwortung, dass Betroffenen unverzüglich alle mögliche Hilfe zukommt. Mobbing ist ein soziales Phänomen und primäre Verantwortung der Eltern. Wenn diese jedoch überfordert sind, muss sich die Schule als zweite Verteidigungslinie vor ihre Schützlinge stellen.

Es ist anzuerkennen, wenn an Schulen gute Konzepte für ein gelingendes Miteinander der Schüler existieren und u. a. Schulpsychologen benannt werden. Doch dürfen solche Konzepte nicht nur auf Webseiten dargestellt, sondern auch mit Leben gefüllt werden. Ein einziger Lehrer, der Hinweise auf Mobbing nicht erkennt, weil er nicht kann oder nicht will, macht Betroffene durch eine unbedachte Äußerung schnell zum einsamen Gespött der Gruppe. Betroffene verlieren dann mitunter jedes Vertrauen in die Schule – toller Konzepte zum Trotz.

Eltern von Mobbern

Nicht immer sind die Väter und Mütter von auffälligen Kindern selbst aggressiv oder gewalttätig. Viele werden aus ehrlicher Überzeugung sagen „Mein Kind tut so etwas nicht!“. Sie werden tun, was Eltern tun sollen: sich schützend vor ihre zu Tätern abgestempelten Kinder zu stellen. Um von ihnen einen konstruktiven Beitrag zur Lösung des Problems erwarten zu können, dürfen ihre mobbenden Kinder nicht angegriffen werden – auch wenn sie ihrerseits andere angreifen. In dieser Situation kühlen Kopf zu bewahren, damit es nicht zu einer Eskalation kommt, ist aber für Eltern von gemobbten Kindern schwierig. Eine gelingende Lösung erfordert dann meistens eine Mediation durch Dritte. Nicht immer finden sie die Hilfe, die sie gerne in Anspruch nehmen würden.

Tragisch sind Fälle, in denen Eltern ihre Kinder zur Ausgrenzung anderer Kinder regelrecht anstacheln, sei es, weil sie dieses Kind oder dessen Eltern ablehnen. Gründe dafür mag es (subjektiv zumindest) geben, nur ist die Ausgrenzung niemals die richtige Reaktion darauf! 

Elternbeiräte und Fördervereine

Sie haben einen wertvollen Hebel zur Verhinderung von Mobbing in der Hand. Gleichzeitig sind sie parteiisch, denn es handelt sich ja um ihre Kinder oder um Kinder von Freunden und Bekannten. Elternbeiräte sind motiviert – und manchmal auch etwas übermotiviert. Es ist eine große Leistung zu erkennen und anzuerkennen, dass sie auch an ihrer Schule Probleme haben, und es ist eine noch größere Leistung zu erkennen und anzuerkennen, dass sie damit manchmal schlicht überfordert sind.

Politik und Geld

Es ist zu einem Lippenbekenntnis von Politikern aller Couleur verkommen, dass unsere Zukunft in unseren Kindern liegt, und dass ihre Bildung uns lieb und teuer zu sein hat. Das ist unzweifelhaft richtig, nur leider passiert das Gegenteil. Man konzentriert sich auf Noten-Statistiken und Pisa-Rankings, anstatt Schulen zu Orten zu machen, an denen Kinder gerne lernen und Lehrer gerne lehren. Corona hat Politikern zwar die Augen für die Folgen der verschleppten Digitalisierung geöffnet, nicht aber dafür, dass viele Schüler wochenlang erleichtert waren, dass sie ihren Peinigern wenigstens physisch eine Weile nicht ausgesetzt waren. Schüler haben leider eine schwache Lobby und beim Mobbing funktioniert die Digitalisierung leider sehr gut, wie die Entwicklung beim Cybermobbing lt. BGCM erschreckend beweist.

Politiker haben eine fundamentale Mitverantwortung für das, was an unseren Schulen passiert, nicht nur, weil sie sie kaputtsparen, sondern auch, weil sie den Bürgern, und darunter eben auch unseren Kindern, vorleben, dass man ohne Anstand und Respekt bis weit nach oben kommen kann. Schämt Euch!

Nach dem Schulabschluss

Wer eine Schulzeit hinter sich gebracht hat, die mehr schlechte als gute Erfahrungen hinterlassen hat, musste eine eigene Strategie entwickeln, um sich mit Mobbing zu arrangieren. Sie sind nun vielleicht froh, durch einen Ortswechsel an die Uni, in eine Ausbildung oder weit weg mit Work & Travel endlich anderen Menschen begegnen zu können. Mögen sie nie wieder den Weg von Menschen kreuzen müssen, die sie an Ihre Leidenszeit an der Schule erinnern! Doch sehr wahrscheinlich ist dies nicht. Mögen sie zu den Menschen gehören, die an Ihrem Leiden gewachsen und gereift sind. Doch mögen sie nicht verzagen, wenn alte Muster sie in eine Schockstarre zurückwerfen oder ihnen übermäßig viel Kraft abverlangen, um Gemeinheiten anderer auszuhalten. Niemand sollte es zulassen, dass diese Muster sein weiteres Leben beeinträchtigen!

Gravierende Mobbingerfahrungen haben nicht selten nachhaltige psychische und psychosomatische Probleme zur Folge. Aus dem Opfer-Sein wurde eine Opfer-Haltung. Das muss aber nicht sein: Erwachsene Leidtragende navigieren bitte weiter zur Seite von ¡Oremos!

P. S.: Den Link zum BCGM und zur Cyberstudie 2020 finden Sie unter Links.