Ihr Kind verhält sich inakzeptabel?

Dann sind Sie in einer nicht minder herausfordernden Situation wie die Eltern des gemobbten Kindes. Auch Ihr Kind leidet - nur an was? Es ist gestresst - auch wenn es nicht den Anschein hat. Es hat keinen Sinn, sich die Situation schönreden zu wollen oder sie zu ignorieren. Die Versuchung ist möglicherweise sehr groß, wenn Ihr Kind zu Hause "funktioniert" und sich unauffällig benimmt. Sie tun gut daran, etwaigen Vorwürfen an Ihr Kind interessiert und konsequent, aber besonnen nachzugehen.

Aus heiterem Himmel

Es kann mangels empirischer Daten hier nur die Vermutung angestellt werden, dass die Mehrzahl der Kinder, die anderen systematisch Verletzungen zufügen, aus "ganz normalen Verhältnissen" stammen. Und diese Kinder sind zunächst vielleicht auch genauso unauffällig wie Ihre Familien. Was ist da schiefgelaufen? "Bestenfalls" war es selbst einmal Opfer von Mobbing. Eine pauschale Antwort verbietet sich. Jeder Mensch ist individuell und keine zwei Fälle sind auf die exakt selbe Ursache zurückzuführen. Um trotzdem den Versuch zu wagen, Ihnen eine gewisse Orientierung zu bieten, soll im Folgenden von Charakter-Archetypen und Familiensystemen die Rede sein.

Unser seelisches Erbe

Wir Menschen kommen nicht als völlig unbeschriebenes Blatt zur Welt. Schon bei unserer Geburt bringen wir psychische Prägungen mit ans Licht der Welt, die nicht nur aus der pränatalen Gefühlswelt unserer Mütter herrühren, sondern darüber hinaus auch aus den Erfahrungen der Vorgenerationen. Unterschätzen Sie nicht das belastende Kriegserbe, selbst wenn Sie ein Wirtschaftwunderkind sind oder nie existenzielle Not gelitten haben.

In unserer frühen Kindheit, etwa bis zum Eintritt in die Schule, entwickeln wir aus unserer geburtlichen Prägung unseren eigenen Charakter. Der ist so individuell wir wir als Mensch, und doch kennen wir eine überschaubare Zahl sogenannter Archetypen, die anhand bestimmter Ausprägungen und Abhängigkeiten vorherrschende Muster erkennen lassen.

Die Vorschulzeit

Die ersten sieben Lebensjahre von Kindern gehören ausschließlich dem Sein-Dürfen, dem bedingungslos (!) Angenommen-Gesehen-und-Geliebt-Werden mit Freiraum zum Spielen und Entdecken! Die Bindungsforschung weiß heute um die Bedeutung einer "sicheren Bindung" (Fachjargon!), die bereits mit der Zeugung beginnt und in den ersten zwei bis drei Lebensjahren herausgebildet wird. Stress während der Schwangerschaft und der Trend zur Kita sind in diesem Zusammenhang nicht frei von "Risiken und Nebenwirkungen". Eine sichere Bindung ist nicht zu verwechseln mit fester Bindung oder An-Bindung - und sie ist nicht (allein) durch Anstrengung und Ehrgeiz, sondern vielmehr durch liebevolle Zuwendung zu erreichen. Ein zeitgemäßer, weil "bindungsorientierter" Erziehungsstil kann sich - bei Übereifer - auch schon mal ins Gegenteil verkehren (das allein ist ein Bücher füllendes Thema, und sei hier nur gestreift. Stichworte: gelassene Eltern und kindliche Autonomie ...).

Bitte keine Selbstvorwürfe und Schuldgefühle!

Sie bringen nichts, aber Erkenntnis führt weiter. Vieles, was in der Vorschulzeit nicht zu einer optimalen Entwicklung von Kindern geführt hat, kann während der Schulzeit und Adoleszenz nachreifen und in sinnvolles Wachstum verwandelt werden. Dabei ist es für Eltern hilfreich, und oft auch notwendig, ihre eigene Bindungserfahrung zu erkunden. Häufig sind Kinder und Eltern heillos in unrealistische Erwartungen, ausgesprochene oder unausgesprochene Enttäuschungen, Missverständnisse, Beziehungsthemen und Charaktermuster verstrickt. Daraus kann leicht ein "Gordischer Knoten" werden. Und er "vererbt" sich noch dazu - über eine unsichere Bindung!

Die Entwicklung der Persönlichkeit

Ein jeder der oben erwähnten Charakter-Archetypen bringt segensreiche und weniger segensreiche Eigenschaften mit sich. Es gibt keine grundsätzlich guten und schlechten Typen. Je nach dem, wie unsere Lebensumstände sich im Laufe unserer Adoleszenz entwickeln, werden die segensreichen oder eben die weniger segensreichen Merkmale gestärkt. Einen markanten Charakter zu haben, ist nicht von Nachteil. Mit einer kleinen "Macke" können wir und unser Umfeld auch noch gut klarkommen. Doch wenn sich bei uns darüber hinaus ein problematischer Persönlichkeitsstil herausbildet, entsteht seelisches Leiden. Bis zum Erreichen des Erwachsenenalters lässt sich dem noch leichter entgegenwirken, als später im Fall von ausgereiften Persönlichkeitsstörungen.

Das innere Beben

Ein wiederholt oder permanent problematisches Verhalten ist wie ein Seismograph, der auf ein Erdbeben am anderen Ende der Welt oder tief unter der Erdoberfläche hinweist. Es nutzt nichts, den Seismographen fixieren zu wollen, damit er nicht ausschlägt. Man kann auch nicht das Beben an sich verhindern. Man kann und muss sein Haus aber an sicheren Orten bauen - oder zumindest erdbebensicher. Die tektonische Erdkruste ist unser belastetes Familiensystem. Und das gilt für praktisch jeden Menschen auf Erden. Machen Sie sich also keine Vorwürfe, dass auch Sie Teil eines seit zig Generationen verstrickten Familiensystems sind. Machen Sie lieber Ihr Haus erdbebensicher!

Ursache und Wirkung

Wenn Sie zu den Menschen gehören, die selbst mit physischer oder verbaler Gewalt erzogen wurden oder deren Eltern emotional für sie nicht erreichbar waren, wird es Ihnen vielleicht schwer fallen, Ihr Familiensystem als verstrickt zu erkennen und anzuerkennen. Unterschätzen Sie auch nicht, was es mit Ihnen gemacht haben könnte, wenn Sie selbst vernachlässigt oder schlimmstenfalls missbraucht wurden. Solche Narben verheilen nur schwer, langsam und - manchmal nie. Niemand darf Sie dafür verurteilen - und Ihr Kind erst recht nicht! Aber es nicht Ihre Schuld, aber schon Ihre Verantwortung, weiteren Schaden von sich, Ihrem Kind und anderen abzuwenden.