Ihr Kind wird gemobbt?

Dann werden Sie sich gewiss große Sorgen machen - und das zu recht! Nicht jedes Kind vermag es, sich aus eigener Kraft oder mit der Hilfe von Freunden aus dieser misslichen Lage zu befreien. Es ist gut, aber keinesfalls selbstverständlich, dass es sich damit an Sie gewendet hat. Und seien Sie nicht beruhigt, weil Ihr Kind sagt, es sei ja nicht so schlimm. Es weiß instinktiv, dass Sie das gerne hören möchten, und vermeidet es lieber, Sie damit zu belasten. Ihr Kind hat irgendwann gelernt, alleine aufs Töpfchen zu gehen und allein sein Bettchen zu machen. Darauf ist es zurecht stolz gewesen, und nun kann es passieren, dass es meint, auch das Problem mit dem Mobbing allein bewältigen zu müssen.

Augen und Ohren auf!

Beobachten Sie Ihr Kind und schauen Sie nicht nur darauf, dass es die Hausaufgaben macht, pünktlich das Haus verlässt und mit guten Noten wieder nach Hause kommt. Geht Ihr Kind wirklich gerne in die Schule? Ein gewöhnliches "Kein Bock heute!" gehört zum Schulalltag, wie das Klappern zum Handwerk. Wenn Ihr Kind morgens schwer in die Gänge kommt, kann das auch einfach nur an seinem Naturell liegen. Sie werden als aufmerksame Eltern aber schnell spüren, wenn es da noch andere Widerstände gibt. Angst und Stress tun Ihrem Kind nicht gut - auch wenn es "nur" der Noten wegen sein sollte. Aber hier geht es um eine andere, existenzielle Angst. Angst, die es möglicherweise sogar zu verstecken versucht.

Aktiv zuhören

Lassen Sie Ihr Kind erzählen, wie es in der Schule war und geben Sie sich nicht mit einem maulfaulen "OK" zufrieden! Wie redet Ihr Kind über seine Mitschüler? Kommen andere Kinder zum Spielen oder trifft es sich mit ihnen regelmäßig außer Haus. Werden Sie hellhörig, wenn die schulischen Leistungen plötzlich abfallen oder Ihr Kind meistens allein zu Hause sitzt. Wenn Ihr Kind keine Lust hat sich zu verabreden oder mit anderen auszugehen, könnte etwas mit seiner Sozialisation nicht stimmen. Gehen Sie dem nach!

Dos and Don'ts

Wenn Ihr Kind gemobbt wird, müssen Sie etwas tun, und zwar schnell und konsequent. Dabei können Sie jede Menge Fehler machen. Eltern hüten, weil es nun einmal so ihre Natur ist, ihren Nachwuchs wie ihren Augapfel - und darüber hinaus. Nichts löst bei uns Eltern so schnell Alarm aus, wie ein Kind in Gefahr. Und kaum ein Thema berührt uns so emotional, wie unsere Kinder leiden zu sehen.


Es ist ein natürlicher Reflex, dem Kind gut zureden zu wollen. Doch mit einem "Du schaffst das schon" setzen Sie Ihr Kind unter Druck, ohne ihm eine Hilfestellung zu geben. Schlimmer noch: Sie bagatellisieren sein Problem. Wenn es es nicht schafft, fühlt es sich möglicherweise als Versager und Ihrer Liebe nicht mehr würdig. Reagieren Sie verständnisvoll, wenn die Noten kollabieren oder das Kind trotz guten Zuredens nicht aus dem Haus gehen will, während Sie schon spät mit dem Weg zur Arbeit dran sind. Was Sie unbedingt vermeiden sollten, sind Sätze wie "Du musst das doch irgendwie hinkriegen" oder "Stell dich halt nicht so an" oder "Du bist ja selbst schuld" - das gilt auch für verblümte Varianten. Ihr Kind spürt instinktiv, wenn Sie ihm die Mitschuld geben.

Ruhig Blut!

Den Mobber zur Rede stellen ist im Zweifel tabu! Natürlich können Sie Ihr Kind zur Schule begleiten und anderen einen bösen Blick zuwerfen, aber das bringt nicht nur nichts, sondern "verschlimmbessert" die Situation, wenn Sie den Schulhof wieder verlassen. Sie können Kontakt zu den Eltern des Mobbers aufnehmen, wenn Sie über ein Höchstmaß an Selbstbeherrschung und Engelszungen verfügen. Falls nicht, wenden Sie sich lieber an den Vertrauenslehrer oder Schulpsychologen. Ihr Kind wird das zwar möglicherweise nicht wollen, es ist aber allemal besser, als nichts zu tun - oder etwas irreparabel Falsches. Nehmen Sie gegebenenfalls Kontakt zu No!bbing auf!

Von allen guten Geistern verlassen?

Immer wieder erlebe ich Eltern, die sich von Lehrern und Behörden unverstanden und alleingelassen fühlen. Schlimmer noch, scheinen ihnen die Pädagogen ein Teil des Problems zu sein, nicht der Lösung. Das mag im Einzelfall auch mal so sein, und manchmal kann es daran liegen, dass es mit der Lösung nicht so schnell voran geht, wie man es dem betroffenen Kind wünschen würde. Man hat als Eltern in einer Mobbingsituation einfach keinen "langen Atem", keine Geduld und kein Verständnis. Wie auch? Nur eines bringt Ihrem Kind sicher nichts: aus einer (verständlichen) emotionalen Überreaktion heraus, einen Konflikt mit dem Lehrer und der Schule eskalieren zu lassen. Mit Eltern-Coaching und multilateraler Mediation geht es vielleicht besser.

Vertrauen ist gut - nichts ist besser!

Das durch andere erzeugte Leid Ihres Kindes löst Stress und Unsicherheit aus. Das führt schnell zu Wut und Rachegelüsten. Sich obendrein von Lehrern und der Gesellschaft im Stich gelassen zu fühlen, schafft ein Gefühl entsetzlicher Rat- und Hilflosigkeit. All das spürt Ihr Kind ganz genau. Es wird dadurch selbst noch unsicherer und sieht sich darin bestätigt, dass es Ihnen besser gar nichts gesagt hätte. Lassen Sie daraus keinen Teufelskreis werden!

So schwer es Ihnen auch fällt, bleiben Sie (innerlich wie äußerlich) ruhig. Stärken Sie Ihrem Kind in jeder Hinsicht den Rücken. Sagen Sie ihm, dass es keinerlei Schuld trägt, und dass Sie ihm helfen werden (ggf. mit Unterstützung Außenstehender) die Situation zu überstehen. Zeigen Sie Ihrem Kind Ihre unbedingte (!) Liebe und beweisen Sie ihm, dass es, so wie es ist, perfekt und liebenswert ist. Versprechen Sie ihm lieber nicht, dass das Mobbing sofort aufhört, aber dass Sie alles (vernünftige) dafür tun werden, dass es bald besser wird. Wir Eltern sollen Urvertrauen vermitteln - häufig ohne selbst genug davon mitbekommen zu haben. Dann kann ein Coach oder Therapeut helfen.

Zu-FRIEDEN-heit macht resilient

Etwa vier von fünf Betroffenen Kindern und Jugendlichen sind lt. BGCM mit ihrem Leben unzufrieden. Wenig überraschend spielt dabei das (subjektiv wahrgenommene) Aussehen eine wichtige Rolle. Auch (materielle und immaterielle) Freiheit und Unabhängigkeit schlagen sich hier nieder. Aber am wichtigsten schlagen die Beziehungen zu Eltern und Freunden zu Buche. Die Sicherheit, die diese Beziehungen einem jeden Menschen geben, gibt letztlich den Ausschlag. Die beste Mobbing-Prävention ist also eine entspannte Familie.

Maß und Ziel

Es ist notwendig, durch maßvolles Handeln gravierende Folgeschäden zu vermeiden und es Ihrem Kind (und damit automatisch auch den anderen) zu ermöglichen, an seinen Erfahrungen zu wachsen und etwas fürs Leben mitzunehmen. Es wird auch nach der Schulzeit Kollegen begegnen und unter Chefs arbeiten müssen, die sich alles andere als nett verhalten. Damit muss man klarkommen, und zwar ohne sich zu verstecken oder immer nur den Weg des geringsten Widerstands zu suchen. Haben sich aber durch Angst und Misserfolg geprägte Verhaltensmuster erst einmal in einer Opfer-Haltung manifestiert, wird sich das nur sehr schwer, und schon gar nicht restlos, verwachsen.